Archiv der Kategorie 'Repression'

Versuchskaninchen Fußballfan?

Höher, schneller, weiter – so bewegt sich die Gewaltspirale in deutschen Fußballstadien. Zumindest, wenn man den Innenminister*innen der Länder und den einschlägig bekannten Boulevardzeitungen Glauben schenkt, die sich mit bedrohlichen Schlagzeilen überschlagen. Die BILD glänzte gar mit einer Gewalttabelle, damit jede*r weiß, wie gefährlich der eigene Verein wirklich ist. Dabei stützten sich Journalist*innen immer wieder auf die Statistiken der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze (ZiS). Die ZiS beobachtet die angeblich gewaltbereiten Fans in der 1. und 2. Bundesliga. Die Zahlen über die Menge gewaltbereiter Fans taugen jedoch nichts. Das wird unter anderem dann klar, wenn man weiß, dass darunter auch Fans gezählt werden, die bei Polizeieinsätzen im Stadion durch Tränengas der Polizei oder Angriffe von anderen Fans verletzt werden. Das Opfer wird in der Statistik gewaltbereiter Fußballfans zur*m potenziellen Täter*in.

Ganz zu schweigen von der Endlosdebatte um Pyrotechnik im Stadion. Man mag zu der Frage stehen, wie man will, aber hunderte Unfälle aufgrund von Feuerwerkskörpern jedes Jahr zu Silvester haben bisher nicht dazu geführt, dass sich ein*e Politiker*in für das Verbot der Böllerei eingesetzt hat. Im Gegenzug wird so getan, als ob es andauernd Tote und Verletzte aufgrund von Pyrotechnik in deutschen Stadien gebe. Die Diskussion wird auf völlig unnötige Weise dramatisiert.

Zuletzt bekam der Konflikt zwischen Fans, die sich pauschal verunglimpft fühlen, einen neuen Eskalationsschub. Die DFL (Deutsche Fußballliga) hatte im letzten Jahr die Verabschiedung eines Sicherheitskonzepts für die Profi ligen angekündigt, das ein »sicheres Stadionerlebnis« garantieren sollte. Vor allem am Zustandekommen gab es erhebliche Kritik von den Fans fast aller Vereine und einigen Vereinsführungen, da diese in
keinerlei Weise an der Erarbeitung beteiligt wurden.

Fans als Versuchskaninchen

Dass Fans von Medien und Politik vor allem als Gefahr wahrgenommen werden, ist nichts Neues. Da waren einmal die Worte des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier. Dieser wollte Nacktscanner zunächst in Fußballstadien testen, bevor diese an Flughäfen zum Einsatz kommen könnten. Fußballfans werden als Versuchskaninchen für Maßnahmen angesehen, die später auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Anwendung fi nden können. Die nötige gesellschaftliche Akzeptanz für solche Maßnahmen gegen Fans gibt es aber nur, wenn man sie vorher als gefährlich darstellt und ihre Aktivitäten im und rund ums Stadion kriminalisiert, um entsprechende Statistiken daraus abzuleiten.

Die Fans haben auf die Ankündigung des Sicherheitskonzeptes mit dem in der deutschen Fußballgeschichte umfassendsten Protest reagiert. Unter dem Motto »Keine Stimmung ohne Stimme« blieben im Dezember 2012 die Fankurven bei nahezu allen Begegnungen der drei Profiligen in den ersten Spielminuten still. Zwar wurde das Konzept trotzdem verabschiedet, aber der Widerstand hat sich gelohnt und gezeigt, wozu Fans konkurrierender Vereine in der Lage sind, wenn sie gemeinsame Interessen voranstellen. Es bleibt außerdem abzuwarten, welche Maßnahmen aus dem Sicherheitskonzept angewendet werden.

Wir, die Linksjugend [‚solid], fordern einen bedingungslosen Dialog mit den Szenen der Ultras auf der einen und den Vereinen, der DFL und dem DFB auf der anderen Seite. In diesem Dialog soll es keine Tabus geben, Transparenz und Öffentlichkeit sind zu schaffen. Einseitige Berichterstattung auf Kosten der Fans lehnen wir ab, genauso wie vermeintliche Statistiken und ihre falsche Auslegung.

Ziel des Dialogs ist ein Aufeinanderzugehen der Lager, ohne dass die eine oder andere Seite ihr Gesicht verliert. Die linksjugend [’solid] unterstützt die größte Jugendbewegung in der BRD in ihrem Kampf, damit diese ihre Vereine auch in Zukunft kreativ, bunt, friedlich und laut stark unterstützen kann.

GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL!!!




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: