Von Keulenschwingern und dem A-Wort

Ein Kommentar zum Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass

Es war sicherlich kein Tabubruch, als sich Grass mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ auf den schmalen Grat der berechtigten Kritik an einem atomar hochgerüsteten Staat begab, der seit seinem Bestehen einen ebenfalls berechtigten Anspruch auf die Verteidigung seiner Existenz hat. Jedoch ist der Umgang mit seiner Person nach der Veröffentlichung der kritischen Zeilen ein Zeichen dafür, dass es immer noch einen tiefen ideologischen Graben in der Frage einer differenzierten Meinungsbildung zum Nahen Osten gibt. Auf die Schnellschuss artigen Verurteilungen und den zu erwartenden Vorwurf des Antisemitismus, folgte Heute für Grass ein Einreiseverbot nach Israel.
Ist diese Vorgehensweise verhältnismäßig in einer Zeit, wo wir Kultur und Presse mit ihrer kritischen Religionsbetrachtung vor Eiferern und Fanatikern verteidigen? Ist es angebracht einen Literaturnobelpreisträger jegliche Kompetenzen abzusprechen, weil er als 17 jähriger in den Wirren des Krieges von verbrecherischen Nazis in eine Waffen-SS Uniform gesteckt wurde?
Nein, denn in den letzten Tagen erleben wir die Tabuisierung von einer Seite unserer Gesellschaft, die mit dem Totschlagargument des Antisemitismus versucht, uns einen unvoreingenommenen Blick auf das Geschehen zu verwehren. Ist man laut Henryk M. Broder der „Prototyp des gebildeten Antisemiten“, wenn man Israels ultra-konservativer Regierung unter Netanjahu warnt, dass ein Angriff auf den Iran ein folgenschweres Abenteuer sein könnte?
Die berechtigte Angst vor einer Vermischung von Israelkritik und Antisemitismus ist verständlich, aber geradezu höhnisch, wenn sie aus der Ecke der Springer-Presse kommt, wo man Toleranz und Achtung der Menschenwürde als Einbahnstraße sieht. Die Wucht der Entrüstung trifft nicht die wahren Feinde jüdischen Lebens. Die neofaschistischen Rattenfänger werden sich bestätigt fühlen, wenn man den Versuch eines konstruktiven Disputs in die Fahrwasser des Antisemitismus leitet.


2 Antworten auf „Von Keulenschwingern und dem A-Wort“


  1. 1 Mirca 08. April 2012 um 22:22 Uhr

    „… der seit seinem Bestehen einen ebenfalls berechtigten Anspruch auf die Verteidigung seiner Existenz hat.“

    Wohl kaum. Israel ist ein kapitalistischer Staat, wie zum Bsp. die BRD oder die USA auch. Er hat eben kein Existenzrecht, da er in seiner jetzigen Form ein verbrecherisches – nämlich das kapitalistische – System stützt. Kein Staat hat das dauerhafte Recht zu existieren, nicht einmal sozialistische (wie ja schon die Definition dieser Staaten besagt).

    Staaten bedeuten immer Grenzen, immer künstlich generierte Unterschiede zw. den Menschen, Kriege und vieles weitere Leid. Zwar verschwünden diese Probleme nicht automatisch wenn Staaten wegfielen, aber sie begünstigen die Probleme immer.

    Eine sichere und friedliche Welt gibt es eben entweder für alle Menschen, oder für niemanden. Die Freiheit eines Teiles der Menschen ist letztlich nicht autonom betrachtbar. Deshalb gibt es auch keinen „jüdischen Schutzraum“ in Israel. Im Gegenteil, die Politik dieses Staates führt zu einer ständigen Bedrohung menschlichen und damit auch jüdischen Lebens nicht nur im Nahen Osten. Überspitzt betrachtet könnte mensche also sogar sagen, dass die Politik des Staates Israel aus einer bestimmten Sicht selbst antisemitisch ist.

    Ansonsten ein richtiger Kommentar.

  2. 2 Daniel Leon Schikora 13. April 2012 um 10:25 Uhr

    „Ist es angebracht einen Literaturnobelpreisträger jegliche Kompetenzen abzusprechen, weil er als 17 jähriger in den Wirren des Krieges von verbrecherischen Nazis in eine Waffen-SS Uniform gesteckt wurde?“

    Ja, es ist angebracht, einem Angehörigen der „Eliteformation“ Hitlerdeutschlands, deren verbrecherischer Charakter im Ergebnis der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gerichtsnotorisch festgestellt wurde, das Recht abzusprechen, die Opfer des deutschen Faschismus (resp. deren Nachfahren) friedenspolitisch zu belehren (dies gilt auch für Grass‘ Hetze gegen Jugoslawien in den 1990er Jahren). Über den Beitritt Grass‘ zur SS hat Peter Handke gültig formuliert: „Die Ausrede, dass man mit 17 nichts weiß, ist eine der schlimmsten. (…) Das Nazitum, ob es in Danzig war oder nicht, hat ein Volk zum Feind des Erdenlebens erklärt, und das waren die Juden. Sogar ein Zwölfjähriger muss spüren: Wenn ein anderes Volk als schlecht hingestellt wird, ist diese Ideologie grundböse.“

    Dass sich mit Grass und Nieszery zwei passionierte deutsche Antikommunisten, mithin Verlierer des 8. Mai 1945, auf die Seite der Schlächter des iranischen Volkes, der Khamenei und Ahmadinejad, schlagen, vermag nicht zu verwundern. Der iranische Dichter Javad Asadian bringt es in einem Offenen Brief an Grass auf den Punkt: „Damit Sie Frieden mit ihrer Vergangenheit schließen können, soll das Regime im Iran Rückendeckung für die Fortsetzung dieser Vergangenheit bekommen. In einer Welt der Heuchelei und des Appeasements muss jedoch die Tatsache immer wieder betont werden, dass die islamische Regierung im Iran mit ihren Greisen im nationalen Bewusstsein der Iraner schon längst gestorben ist. Ihre Herrschaft ist nur noch mit Massenmord aufrechtzuerhalten – begleitet vom Schweigen von Intellektuellen wie Herrn Günter Grass.“

    Daniel Leon Schikora, Sprecher der Hochschulgruppe Rostock der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG)

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