Über 350 Menschen sind an diesem warmen Frühlingsabend auf dem Doberaner Platz gekommen. Junge, Alte und etliche der Kinder aus dem Stadtteil die gerne im Freigarten spielen. Nicht wenige Leute sind direkt von der Arbeit auf die Kundgebung gekommen. Anlass waren die konzertierten Angriffe von Rechten auf das Peter-Weiss-Haus in Rostock, das IKuWo in Greifswald und den Demokratieladen in Anklam. Die Angriffe auf zivilgesellschaftliche Projekte sind Teil einer Kette von Ereignissen die von Sachbeschädigungen bis zu schweren Körperverletzungen durch Neonazis reicht. Die NPD gerät derzeit immer stärker unter Druck. Die jüngsten Ereignisse zeigen, was demnächst droht, wenn die Neonazis weiter in die Enge getrieben werden. Die nervösen Reaktionen zeigen aber auch an, dass der Kampf gegen menschenfeindliche Einstellungen und deren Träger_innen auf einem guten Weg ist und Früchte trägt.
Gegen 18 Uhr wurde es voll auf dem Doberaner Platz in der Kröpeliner Tor-Vorstadt Rostocks. Eine Gruppe Handwerksgesellinnen und -gesellen sind bereits vor Ort und haben ein selbstgemachtes Transparent ausgerollt. Eine Trommelgruppe trägt ihre Instrument zusammen. Es ist eine sehr bunte Mischung von Menschen die sich versammelt hat: Junge und ältere Linke, Hippies, Musiker, Künstler_innen, Literaten, Studierende und Anwohner_innen des Stadtteils. Es wurden viele verschiedene Redebeiträge der am Peter-Weiss-Haus ansässigen Initiativen und von dort aktiven Menschen gehalten. So sprach unter anderem eine junge Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm über die Wichtigkeit des Peter-Weiss-Hauses in Rostock und fügte mit Verweis auf die jüngsten Anwesenden an, dass hier ja bereits die nächste Generation ihre ersten Demo-Erfahrungen macht. Sie alle hatten sich versammelt, um ein Zeichen zu setzen anlässlich der Welle der rechten Gewalttaten die in der Nacht des 4. Mai ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Die Nacht des 4. Mai
Die koordinierten Angriffe dieser Nacht, so die Aussagen in einigen Redebeiträgen, müssen in einem Gesamtzusammenhang gebracht werden. Die neonazistische NPD steht derzeit, nachdem Hinweise auf eine sehr große Nähe zum rechten Mördertrio NSU gefunden wurden, enorm unter Druck. Hinzu kommt, dass die Partei bei der Wahl in Schleswig-Holstein am Wochenende mit einem desaströsen Ergebnis von 0,7 Prozent zwar viel in den Wahlkampf investiert hat, nun allerdings nicht mal die verauslagten Kosten wieder herein bekommt. Die aktuelle Gewalt, so der Tenor der Redebeiträge ist als ein Symptom zu verstehen. Es ist ein Versuch zu einem Befreiungsschlag, ganz nach dem Motto „Jetzt erst Recht!”.
Die Nachrichten aus Anklam sind beunruhigend und besorgniserregend. Mehrere Menschen liegen im Krankenhaus. Ein junger Mann wird vermutlich dauerhaft entstellt sein, nachdem Neonazis sein Gesicht mit einem Verkehrsschild traktierten.
Die aktuellen Ereignisse zeigen allerdings auch etwas anderes. Denn wer in einer Region tatsächlich die Hegemonie innehat, der braucht keine physische Gewalt mehr auszuüben. Dass die Schägertrupps wieder wie in den 1990er Jahren durch Anklam ziehen zeigt in diesem Sinne auch etwas anderes: Es gibt junge Menschen in der Peenestadt, die daran erinnern, dass die ganze Nazi-Wunderwelt mit dem ältesten Naziladen in MV, dem New Dawn, mit dem Veranstaltungsort der Hammerskins, mit dem Büro des pommerschen Buchdienstes und mit den nationalen Wohnprojekten auf den Dörfern im Umland, dass all dies doch nicht das Attraktivste ist. Die jungen Menschen die verfolgt und verprügelt wurden, erinnern jede_n daran, dass es noch etwas anderes gibt als Nazischeiße.
Nach den Attacken: “Wer Nazis ein Dorn im Auge ist, macht alles richtig”
Die Buttersäure-Anschläge in Anklam, Greifswald und Rostock waren ebenso keine Zufälle. Die Ziele sind Orte an denen sich Menschen begegnen. In diesen Begegnungen und gemeinsamen Handlungen werden wichtige Knoten geknüpft, deshalb wurden die Orte ausgewählt. Denn wo es eine eng vernetzte und aktive Zivilgesellschaft gibt, da kann die platte rechte Propaganda vom “Volkstod” nicht mehr verfangen. Wo es Beteiligung am politischen Handeln gibt, wo echte Demokratie im Hier und Jetzt eingeübt wird, haben Neonazis das Nachsehen. Denn nach und nach, durch eigenes Erleben und aktives Erfahren wird es für die allermeisten Menschen weitaus attraktiver von ihrer Urteilskraft selbst Gebrauch zu machen, statt irgendwelchen Führern hinterherzulaufen. Wo Menschen lernen miteinander Entscheidungen darüber zu fällen in welcher Gesellschaft sie leben wollen, da wird es unreizvoll sich einem Führer anzuvertrauen, wie jenem Gold- und Juwelenhändler aus Lübtheen, aus dem man den Marktschreier immer noch deutlich heraushört.
“Wer Nazis ein Dorn im Auge ist, macht alles richtig” hieß es von einem Mitarbeiter des Peter-Weiss-Hauses auf Nachfrage zu den Anschlägen, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer: “Weitermachen!”
Quelle: www.kombinat-fortschritt.com
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